Kann wachstum nachhaltig sein? eine kritik des kapitalistischen wirtschaftssystems aus ökologischer und sozialer perspektive

Kann wachstum nachhaltig sein? eine kritik des kapitalistischen wirtschaftssystems aus ökologischer und sozialer perspektive

Historischer Kontext: Wachstum als Imperativ

Seit Beginn der industriellen Revolution gilt Wirtschaftswachstum als zentraler Motor gesellschaftlichen Fortschritts. Mit jeder Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verband man erhöhte Beschäftigung, technischen Fortschritt und sozialen Wohlstand. Diese Erzählung wurde über Jahrzehnte durch politische Programme, institutionelle Mechanismen und wirtschaftliche Leitbilder weiter gefestigt. Der klassische Liberalismus sah Wachstum als natürliche Folge freien Wettbewerbs, während keynesianische Ansätze es als Voraussetzung für soziale Umverteilung betrachteten.

Doch spätestens seit der ersten Ölkrise 1973, dem Club-of-Rome-Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) und den globalen Umweltdiskussionen der 1980er Jahre mehren sich Zweifel an der langfristigen Tragfähigkeit wachstumsgetriebener Wirtschaftssysteme. Trotz effizienterer Technologien und grüner Versprechen steigt der Ressourcenverbrauch global weiterhin dramatisch an. Die zentrale Frage drängt sich auf: Kann ein auf unendlichem Wachstum basierendes System innerhalb der endlichen Grenzen eines Planeten existieren?

Der systemische Widerspruch: Wachstum und ökologische Tragfähigkeit

Jedes Wachstumsversprechen moralisiert den Konsum, externalisiert die Kosten und verschiebt ökologische Schulden in die Zukunft. Der kapitalistische Wachstumsbegriff ist dabei nicht neutral: Er basiert auf kontinuierlicher Kapitalakkumulation, Ausweitung von Märkten und Produktivitätssteigerung. Nachhaltigkeit wird oft als eine Art „technologischer Optimierungsrahmen“ behandelt – beispielsweise durch Effizienzsteigerungen, Kreislaufwirtschaft und grüne Innovationen.

Doch wie mehrere Studien zeigen, entkoppelt sich materielles Wachstum nur marginal oder gar nicht vom Ressourcenverbrauch. Laut dem Global Resources Outlook 2019 ist der weltweite Ressourcenverbrauch zwischen 1970 und 2017 um 300% gestiegen – parallel zur Wirtschaft. Selbst dort, wo Energieeffizienz wächst, wird der Effekt durch Rebound-Effekte unterminiert, etwa wenn energieeffizientere Fahrzeuge mehr gefahren werden.

Ein vielzitiertes Beispiel ist Deutschland: Trotz massiver Investitionen in erneuerbare Energien bleibt der Primärenergieverbrauch auf hohem Niveau. Der ökologische Fußabdruck der Bundesrepublik überschreitet laut Global Footprint Network deutlich die biokapazitären Grenzen des Landes. Jede vermeintlich „nachhaltige“ Wachstumsstrategie bleibt damit innerhalb eines Systems, das auf Expansion, nicht auf Suffizienz ausgelegt ist.

Soziale Disparitäten: Wer profitiert vom Wachstum?

Abseits ökologischer Fragen offenbart sich ein zweiter Bruch: der soziale. Wachstum wird vielfach als Garant für soziale Gerechtigkeit dargestellt – in der Annahme, dass ein wachsender Wohlstandskuchen allen zugutekommt. Die empirische Realität ist jedoch eine andere. Der Trickle-Down-Effekt, auf den sich viele wirtschaftspolitische Programme berufen, bleibt aus. Laut OECD besitzen die reichsten 10 % der Bevölkerung rund 50 % des Vermögens, Tendenz steigend.

In Deutschland stagnieren seit Jahren die Reallöhne im unteren Einkommensdrittel, während Kapitaleinkommen disproportional wachsen. Gleichzeitig werden Sozial- und Umweltkosten des Wachstums externalisiert – ausgelagert in prekarisierte Arbeitsverhältnisse im globalen Süden, dort, wo der Rohstoffabbau erfolgt, Textilien genäht oder Elektronik zusammengebaut wird. Wachstum, so scheint es, produziert nicht nur Ungleichheit, sondern macht sie strukturell notwendig, um Wettbewerbsvorteile zu erhalten.

Die Frage, wer von Wachstum profitiert, lässt sich daher kaum losgelöst vom globalen Machtgefälle beantworten. Während Industrienationen sich um „grünes Wachstum“ bemühen, behalten sie gleichzeitig die strukturelle Dominanz über Wertschöpfungsketten, Patente und Kapitalmärkte. Der Wohlstand des Nordens bleibt auf die Ressourcen und Arbeitskraft des Südens angewiesen.

Mediale Konstruktionen: Das Wachstumsdogma im Diskurs

Die Vorstellung, dass eine Gesellschaft ohne Wachstum im Chaos versinkt, wird medienwirksam vermittelt. Wirtschaftsnachrichten melden in dramatischem Ton jeden BIP-Rückgang, während Hochkonjunktur als allgemeine Wohltat gefeiert wird. Diese Erzählung reduziert komplexe soziale Realitäten auf eine einzige Kennziffer und macht sie zum Maß aller Dinge.

Medien tragen wesentlich dazu bei, ökonomische Narrative zu stabilisieren. Sie reproduzieren meist die Perspektive wirtschaftsnaher Institute, Regierungsberichte oder Thinktanks mit engen Verflechtungen zur Industrie. Kritische Positionen – etwa von wachstumsskeptischen Bewegungen wie „Degrowth“, „Postwachstumsökonomie“ oder Gemeinwohlökonomie – erhalten selten Raum, geschweige denn systematische Einbettung.

Ein Beispiel: Als 2020 durch die COVID-19-Pandemie ein massiver Wirtschaftseinbruch stattfand, stand die Wachstumsdynamik rasch im Zentrum der politischen Wiederaufbauprogramme. Kaum thematisiert wurde jedoch, ob ein Rückgang wirtschaftlicher Aktivität nicht auch Chancen für ökologische und soziale Neuausrichtungen hätte bieten können. Stattdessen wurde das Narrativ der Rückkehr zur „Normalität“ mit Vehemenz verbreitet.

Postwachstumsansätze: Alternativen denken

Angesichts dieser systemischen Widersprüche entstehen weltweit Initiativen, die Alternativen zum Wachstumsparadigma erproben. Dabei reicht das Spektrum von lokalen Gemeinwohl-Ökonomien über solidarische Landwirtschaft und Re-Regionalisierung bis hin zu Steuerreformen, die Ressourcenverbrauch stärker belasten als Arbeit.

Einige dieser Konzepte:

  • Degrowth: Plädiert für eine gezielte Schrumpfung ressourcenintensiver Wirtschaftssektoren, insbesondere in reichen Ländern. Fokus liegt auf Bedürfnisorientierung, Commons und gemeinschaftlicher Organisation.
  • Donut-Ökonomie (Kate Raworth): Entwickelt ein Modell, das zwischen sozialen Mindeststandards und ökologischen Obergrenzen vermittelt.
  • Gemeinwohlökonomie (Christian Felber): Bewertet Unternehmen nicht nach Profitmaximierung, sondern nach ihrem Beitrag zum Gemeinwohl.
  • Care-Ökonomie: Vorrang für Sorgearbeit, Commons und soziale Infrastruktur, finanziert durch Umverteilung und ressourcenbasierte Besteuerung.

Wichtig ist: Diese Ansätze zielen nicht auf eine komplette Rückabwicklung moderner Ökonomien, sondern auf ein radikales Umdenken ihrer Prioritäten. Wachstum als Mittel zu begreifen – nicht als Ziel – wäre ein erster Schritt.

Demokratie, Freiheit, Verantwortung

Welche Wirtschaft passt zu einer demokratischen Gesellschaft? Die gegenwärtige Therapierung des kapitalistischen Wachstumsmodells durch „grüne Technologien“ oder Kompensationsmechanismen (wie CO₂-Zertifikate) verschiebt lediglich das Problem und sichert bestehende Machtverhältnisse ab. Dabei wird die Frage nicht gestellt, wer welche Entscheidungen über Ressourcenverteilung trifft und für wen die aktuelle Wirtschaftsweise überhaupt funktioniert.

Demokratie bedeutet nicht nur Wahlrecht, sondern auch die Möglichkeit, über die organisatorische Struktur des Wirtschaftens zu bestimmen. Doch derzeit liegt diese Macht vor allem bei Konzernen, Finanzmärkten und supranationalen Institutionen fern direkter demokratischer Kontrolle. Ein nachhaltiges Wirtschaftssystem müsste nicht nur ökologisch tragfähig sein, sondern demokratisch legitimiert und sozial integriert. Denn ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine ökologische Transformation – und umgekehrt.

Ein System, das Rücksicht auf planetare Grenzen nimmt, müsste das Wachstumsparadigma hinterfragen – nicht kosmetisch, sondern an der Wurzel. Dafür braucht es politische Weichenstellungen: Infrastrukturinvestitionen mit Gemeinwohlbezug, progressive Besteuerung von Ressourcen statt Arbeit, öffentlich organisierte Grundversorgung, ein entschlackter Finanzsektor und neue Formen ökonomischer Teilhabe.

Die Frage bleibt: Wenn nicht jetzt, wann dann? Die ökologische Uhr tickt – und das Zeitfenster für ein systemisches Umdenken schließt sich zusehends. Wachstum um jeden Preis war gestern. Heute brauchen wir Mut zur Maßhaltung, Verantwortung und kollektive Gestaltungskraft.