Kritische Stimme

Grüner wasserstoff – lösung oder illusion für die energiekrise und die klimaziele?

Grüner wasserstoff – lösung oder illusion für die energiekrise und die klimaziele?

Grüner wasserstoff – lösung oder illusion für die energiekrise und die klimaziele?

Grüner Wasserstoff: Hoffnungsträger oder Fehlzündung?

Seit einigen Jahren wird „grüner Wasserstoff“ als Schlüsseltechnologie für die Energiewende gehandelt. Politiker, Industrievertreter und Energieunternehmen überschlagen sich mit Ankündigungen, Pilotprojekten und Förderprogrammen. „Wasserstoffrepublik Deutschland“, titelte das Bundeswirtschaftsministerium 2020. Doch während die Worte lauter werden, bleiben viele Fragen offen – ökonomisch, ökologisch und energiepolitisch.

Was genau ist eigentlich „grüner Wasserstoff“ und kann er tatsächlich helfen, die fossile Abhängigkeit zu beenden und die Klimaziele zu erreichen? Oder handelt es sich um einen energiepolitischen Nebenschauplatz, der mehr verspricht, als er halten kann?

Historischer Kontext: Die Renaissance eines alten Energieträgers

Wasserstoff als Energieträger ist keine neue Idee. Bereits seit den 1970er Jahren – vor dem Hintergrund der Ölkrisen – wurde über eine sogenannte „Wasserstoffwirtschaft“ diskutiert. Der Grundgedanke: Wasserstoff könnte fossile Brennstoffe in Mobilität, Industrie und Stromversorgung ersetzen. Doch aufgrund hoher Umwandlungsverluste, technischer Herausforderungen und fehlender Infrastruktur blieb der große Durchbruch aus.

Erst die aktuelle Klimakrise und die Dringlichkeit der Dekarbonisierung haben dem Thema neuen Schub gegeben. Besonders „grüner Wasserstoff“ – jener also, der durch Elektrolyse mittels erneuerbarer Energie hergestellt wird – gilt nun als Hoffnungsträger. Im Gegensatz dazu steht „grauer Wasserstoff“, der aus Erdgas gewonnen wird und große Mengen an CO₂ ausstößt, sowie „blauer Wasserstoff“, bei dem CO₂ abgeschieden und gespeichert wird (CCS-Verfahren) – ein umstrittenes Verfahren mit bislang fragwürdiger Erfolgsbilanz.

Der energiepolitische Rahmen: Zwischen Strategiepapier und Wirklichkeitsprüfung

Die deutsche Wasserstoffstrategie, veröffentlicht 2020 und überarbeitet 2023, sieht vor, bis 2030 eine elektrolysebasierte Wasserstoffproduktion von 10 Gigawatt zu erreichen. Das entspricht der Leistung von etwa 10 Atomkraftwerken. Gleichzeitig sollen Importstrukturen aufgebaut werden – unter anderem aus Nordafrika, Australien oder Norwegen – um Deutschlands Bedarf zu decken.

Ein ambitioniertes Ziel, doch bereits an dieser Stelle wird deutlich: Deutschland will und kann den Großteil des benötigten grünen Wasserstoffs nicht selbst produzieren. Der Strombedarf für die Elektrolyse ist enorm, und die Verfügbarkeit von erneuerbarem Strom ist begrenzt. Laut dem Umweltbundesamt wären alleine für die inländische Produktion der angestrebten 10 GW Elektrolyse über 20 % der heutigen deutschen Wind- und Solarstromproduktion nötig.

Ein zentrales Paradox: Ausgerechnet in einem Stromsystem, das schon heute regelmäßig unter Engpässen leidet und in dem eine massive Elektrifizierung (E-Autos, Wärmepumpen etc.) bevorsteht, soll nun zusätzlich Strom für eine Technologie aufgewendet werden, die nur mit Wirkungsgraden zwischen 25 und 35 % operiert. Diese Energieineffizienz wirft die berechtigte Frage auf: Ist grüner Wasserstoff eine sinnvolle Lösung – und wenn ja, in welchen Bereichen?

Potenziale und Grenzen: Wo grüner Wasserstoff sinnvoll ist – und wo nicht

Ein oft übersehener Aspekt der Wasserstoffdebatte ist die Differenzierung zwischen Einsatzbereichen. Laut Expert:innen und Analysen des Fraunhofer-Instituts oder des Wuppertal Instituts ergibt sich ein klares Bild:

Eine Untersuchung der Agora Energiewende aus dem Jahr 2021 zeigt: Würden alle Anwendungen mit Wasserstoff ersetzt werden, müssten wir eine fünf- bis sechsfache Stromproduktion auf Basis erneuerbarer Energien aufbauen. Das ist weder wirtschaftlich noch ökologisch vertretbar.

Eine teure Illusion? Ökonomische und geopolitische Fallstricke

Die Herstellung von grünem Wasserstoff bleibt trotz technischer Fortschritte extrem kostenintensiv. Je nach Rahmenbedingungen liegt der Preis pro Kilogramm (Stand 2023) zwischen 5 und 7 Euro – verglichen mit etwa 2 Euro für grauen Wasserstoff. Zwar werden Fördermechanismen diskutiert (z. B. über „Carbon Contracts for Difference“), doch am Ende wird sich die Frage stellen, wer diese Preisunterschiede trägt: die Industrie, die Steuerzahler:innen oder die Verbraucher:innen?

Zudem schafft Deutschlands Importstrategie neue geopolitische Abhängigkeiten. Wollen wir uns wirklich in eine Energielogik begeben, die vom Wohlwollen autoritärer Regime in Nordafrika oder vom Zugang zu seltenen Rohstoffen in Südamerika abhängt? Die grüne Wasserstoffwirtschaft droht, ähnliche Muster zu reproduzieren wie die fossile: eine externalisierte Energiegewinnung mit sozialen, ökologischen und politischen Kosten an anderer Stelle.

Hinzu kommen Fragen der Infrastruktur. Der Aufbau eines bundesweiten Wasserstoffnetzes erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. Laut Schätzungen der DENA könnten die Kosten bis 2045 auf über 50 Milliarden Euro steigen – ohne Garantie, dass der Ausbau tatsächlich mit den prognostizierten Bedarfskurven korrespondiert.

Politische Erzählungen: Zwischen Fortschrittsversprechen und Lobbyarbeit

Warum also wird grüner Wasserstoff so vehement beworben? Eine kritische Analyse politischer Diskurse legt nahe: Der Wasserstoffhype eignet sich hervorragend, um industriepolitische Narrative zu bedienen. Er verbindet das Ideal klimafreundlicher Innovation mit dem Versprechen, industrielle Strukturen weitgehend bestehen lassen zu können – ohne grundlegende Veränderungen in Produktionsformen und Konsummodellen.

Ein weiterer Faktor: Die Wasserstoffstrategie ist ein Spielfeld unterschiedlicher Lobbys – sei es die Autoindustrie, Chemiekonzerne oder Netzbetreiber. Dabei entsteht häufig ein selektives Bild: Während die Vorteile betont werden, bleiben Wirkungsgradverluste, Strombedarfe und soziale Gerechtigkeitsfragen meist außen vor.

Die Gefahr besteht, dass Wasserstoff als „Deckmantel“ für klimapolitische Untätigkeit dient: Statt unbequeme, aber wirksame Maßnahmen wie ein Tempolimit, strengere Emissionsvorgaben oder einen substanziellen Rückbau fossiler Subventionen zu ergreifen, setzt man auf ein technologisches Feigenblatt, das erst in Jahrzehnten Wirkung entfalten könnte – wenn überhaupt.

Was wäre eine realistische Perspektive?

Ein kluger Umgang mit grünem Wasserstoff bedeutet, ihn dort einzusetzen, wo er keine Alternative hat – und systemisch zu denken. Dazu gehören:

Langfristig muss die Energiepolitik nicht nur technologieoffen, sondern auch demokratiefest sein. Es reicht nicht, Klimaziele auf Papier zu erfüllen – der Weg dorthin zählt. Grüner Wasserstoff kann dabei helfen. Aber nicht als Ersatz für politische Weichenstellungen, sondern als Ergänzung innerhalb eines konsistenten Gesamtkonzepts.

Wer ihn hingegen als Allzwecklösung verkauft, betreibt am Ende vor allem eins: eine gefährliche Illusion – auf Kosten der Energieeffizienz, der sozialen Fairness und der klimapolitischen Glaubwürdigkeit.

Quitter la version mobile